
PHOTO BY ANDREE MOEHLING |
Das knallt
Es war wie ein Billardspiel mit 100 Kugeln. Da stießen die Töne so schnell und heftig aneinander, daß Auge, Ohr und Hirn jeden Versuch aufgeben mußten, den Überblick zu behalten.
Die japanische Pianistin Aki Takase und der Nürnberger Bassklarinettist Rudi Mahall wagten sich in der Unterfahrt weit hinaus über die konventionelle Kunst des Duos. Wer sich in dieser Konstellation auf die Bühne traut, ist zum konstanten Solo gezwungen und muß doch immer alle Antennen auf Empfang stellen. Da gibt es nur die Alternative zwischen harmonischer Verschmelzung und kompromißloser Selbstbehauptung.
Takase und Mahall wählten das zweite und schufen in einem furiosen Feuerwerk der Harmonien eine Synthese jenseits aller Seelenschmeichlerei. Aki Takase ist eine Pianistin, die mit unglaublichem rhythmischen Gespür Harmonien skelettiert und zu neuen Gebilden zusammensetzt. Da wechseln minimalistische Mantren mit bluesig groovenden Einwürfen, schroffe Brüche mit verspielten Dehnungen der Harmonien - bis sie reißen, kippen, purzeln und sich in neuen Mustern auflösen. Dabei klingt der Flügel reiner und klarer als gewohnt. In diesen Spagat aus Härte und Leichtigkeit fügt sich Rudi Mahall wie ein tanzender Derwisch ein. Der Bassklarinettist ist ein Grenzgänger, der getreu dem Namen seines eigenen Ensembles im "roten Bereich" heimisch ist. Überblasene Pfeiftöne am Rande der Unhörbarkeit, knallende Phrasierungen und rasende Läufe lassen dieses erstaunliche Instrument klingen wie eine Mischung aus Sax, Posaune, Tuba und Synthezizer. Wenn er Wasser in sein Horn gießt und den Klang zu brodelnden Eruptionen verfremdet oder Takase den Flügel mit Pingpong-Bällen präpariert, wird das Konzert zur Performance. Der Bläser fing die harten Töne auf, kommentierte sie zeitversetzt, blies sie auf wie Luftballons und ließ sie prustend fahren. In dieser Dynamik, die alle inneren Gedanken und Gefühle nach außen stülpte, zeigten sich beide nackt und pur. Diese Unmittelbarkeit legten sie über Standards, freie Improvisationen, Blues und Ragtime. Doch wo perfekte Technik und instrumentale Beherrschung im reinen Selbstausdruck nebensächlich wurden, spielten auch Stile und Stücke keine Rolle mehr. Auf der Bühne standen schlicht Persönlichkeiten:
Takase und Mahall.
Geseko v. Lüpke, Süddeutsche Zeitung vom 7./8. Oktober 2000,
Duo Aki Takase - Rudi Mahall "...die beiden gehen respektlos mit Zitaten vieler jener Musiker um, die man heute bereits als Klassiker bezeichnen muß, und sie bauen mit respektvollem Augenzwinkern eine dramaturgische Spannung auf, bei der die Frage von Ernst und Spaß sich längst überholt hat. Wenn Aki Takase die Saiten ihres Flügels präpariert, kommt ein aleatorisches Element ins Spiel, an dem John Cage seine helle Freude gehabt hätte, und wenn Mahall den Schönklang verläßt, zu dem er auch fähig ist, bringt er den ganzen Schmutz eines "Blues from the gutter" mit, der Beuys entzückt hätte."
Michael Rieth, Frankfurter Rundschau vom 2. Oktober 2000,
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