Aki Takase, Something Sweet, Something Tender, Enja:
Eine Auseinandersetzung mit den experimentellen Rändern der Jazzgeschichte, mit Eric Dolphy, Ornette Coleman, Carla Bley und immer wieder mit Monk. Auf ihrem aktuellen Soloalbum Something Sweet, Something Tender, zeigt die japanische Pianistin Aki Takase neben ihrem harten, sushimesserscharfen Anschlag, dass sie auch anders kann. Wie in der wenig bekannten Monk-Komposition Locomotive: weich, verspielt, traumtänzerisch, eine sich öffnende Blüte.
(DIE ZEIT ONLINE von Maxi Sickert)
http://www.zeit.de/online/2008/52/alben-2008-redaktion?page=7
Aki Takases Musik entwickelt ihre Komplexitaet aus einfachsten Motiven und fuehrt mit einer unbaendigen Spannung und Logik weiter. Dann wieder zerlegt sie Jazzstandards in ihre Bestandteile, atomisiert sie foermlich und nutzt das harmonische und rhythmische Potential der Vorlagen zu faszinierenden Ausfluegen voller Phantasie und Dynamik. Ihr Spiel besticht durch immense Vielseitigkeit und eine Fuelle an Nuancen,stetsjedoch tragen die Improvisationen ihre unverwechselbare Handschrift.
"...
Die Japanerin donnert ihre Clustergewitter erst mit den Handballen, dann mit
beiden Unterarmen auf die Tasten des Flügels. Kurze Zeit später suchen
die Finger zart nach Romantizismen. Ein paar hingetupfte Single Notes führen
zu swingend perlenden Läufen, die sich im Tempo steigern. Die rechte Hand
bleibt bei melodiös geführten, luftigen Chorussen, während die
linke Bass-Hand anschwellende Ostinati hämmert. Aki Takases Solospiel ist
gekennzeichnet von Gegensätzen und verrät zugleich die Sehnsucht nach
Einheit und Harmonie. Die Japanerin spielt mit unbekümmerter Lust. Sie
schert sich nicht um Stile und Grenzen. Romantik und E-Avantgarde verarbeitet
und verbindet sie souverän mit Swing, Boogie und Bebop. Immer jedoch ist
die unbändige Kraft zu spüren, die mal bewußt zurückgehalten
wird, um dann wieder umso ungestümer freien Lauf zu bekommen. So wechselt
die Pianistin auch beim Solokonzert in der "Jazzfabrik" vom Lyrischen
ins Dramatische und umgekehrt, von sanft melodiöser Jazz-Klassik zum aggressiv
harten Free Jazz. Überraschung ist ein anderes Charakteristikum im Spiel
Takases. Rasch und unberechenbar wechselt sie Metren und Tempi. Relaxte balladeske
Single-Note-Linien stehen neben ekstatischen Akkordtrauben. Humorvoll und keineswegs
aufgesetzt wirken die experimentellen Spielereien. Mal reißt Takase die
Saiten mit der Hand an, dann verzerrt sie den Klang mit springenden Metalltöpfchen
und Platten. Ein Ragtime kristallisiert sich heraus. Assoziationen an Jahrmarkts-
und Zirkusmusik werden geweckt. Tischtennisbälle hüpfen über
den hart angeschlagenen Saiten und fallen zurück. Virtuos verbindet die
Japanerin den Naturklang des Instruments mit den verfremdeten Sounds. So setzt
sie den treibenden "Boogie stop shuffle" neben Alexander von Schlippenbachs
sphärisch klingende Komposition "Point", interpretiert genußvoll
die träumerischen Extravaganzen von Carla Bleys "Ida Lupino".
Dazwischen greift die Pianistin Standards aus der Jazz-Tradition und modernisiert
sie auf ihre Weise ohne die Substanz zu zerstören."
Klaus Mümpfer, Jazzpodium, November 2000, über das
Konzert am 28. August 2000 in der Rüsselsheimer Jazzfabrik
Aki Takase: "Le Cahier Du Bal"
(Leo Records 319, 2001); Aki Takase (p)
Die Bewegungsfreiheiten des Ausdrucktanzes dienen als Inspiration für das
Piano-Recital der Japanerin Takase. Dezidiert der Körperaktionismus der
Tänzerin Anzu Furukawa. Takases Choreographie ist zur Gänze improvisiert
und widerspiegelt eindrucksvoll die Geschichte der Klavierliteratur. Vom Barock
zum 20. Jahrhundert, mit all seinen Schattierungen wie Moderne, Jazz und diversesten
Tänzen. Doch Takase interpretiert nicht. Die Elemente der Musikformen sind
bruchlos mit der Eigenart der Pianistin verwoben und tänzeln wie Blätter
im Winde. Höchste physische und mentale Konzentration.
" Jazzlive" Wien, Oktober 2001
Schön, wieder einmal eine neue Produktion von Aki Takase, der seit vielen
Jahren in Berlin lebenden japanischen Pianistin erleben zu können. Wenn
es dann noch eine neue Solo-Einspielung ist, deren besonderer Reiz darin liegt,
daß es sich um Ballett-Inspirationen handelt, darf man auf einiges gespannt
sein. Ausgelöst wurden diese Inspirationen durch die japanische Tänzerin
Anzu Furukawa, deren Kunst den klassischen Tanz verkörpert. Takases besondere
Fähigkeit, die Tradition der japanischen Musik mit der europäischen
Klassik vom Barock bis Schönberg in Zusammenhang zu bringen, um dies dann
in der richtigen Verpackung als Jazz-Produkt zu präsentieren, wird mit
dieser Arbeit auf sehr direkte Art deutlich. Und dieses Mal schlägt sie
nicht den Umweg über Thelinious Monk oder Duke Ellington ein. Nichts hat
sie komponiert, erklärt sie, sondern sie überträgt das Erlebnis
der Kunst des Tanzes in ihre eigene Kunst der Improvisation. Besonders miterlebbar
wird dies bei Stücken wie "Tango de Anzu", mit dem sie ihre rhythmische
Zerlegungspraxis bei gleichzeitiger Erzeugung von großer Spannung demonstriert.
Gewidmet ist dieses meisterhafte Stück der Tänzerin. Sehr eigene Vorstellungen
der barocken Tanzformen "Rigaudon" und "Gigue" folgen. Dieses
neue Meisterstück enthält zudem einen "Russian dream" á
la Rachmaninow mit deutlichen Monk-Einlagen, einen wiederum eigenen afrikanischen
Tanz, "Menuet Mozambique", dreiteilige "Inside tales", die
ihre Auseinandersetzung nicht nur mit dem Tanz sondern ihrer eigenen Musiktradition
verdeutlichen, sie läßt auch die mediterrane Welt mit "Tarantella"
nicht aus, und schließt nach dem Titelstück mit einer außer
Rand und Band geratenen "Pulcinella" ab. Man sollte nur nicht erwarten,
bei der Auseinandersetzung mit den europäischen, afrikanischen und asiatischen
Impressionen die bekannten Klischees einer jazzartigen Verarbeitung anzutreffen.
Eher trifft man sehr unvermittelt auf den schon erwähnten Monk. Es ist
höchst lohnend den Impressionen nachzuspüren, sich in Aki Takases
besondere Klangwelt zu versetzen.
Hans-Jürgen von Osterhausen, im "Jazzpodium", 2001
